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Interview mit Maria Sohr - Gründungsmitglied

Wie bist du auf den Aufruf zur Gründung einer Blaskapelle aufmerksam geworden?

 

Ich habe im Fernsehen einen Klarinettisten von den Original Oberkrainern gesehen und wollte Klarinette lernen, was meine Mutter sofort für mich und meine Schwester ermöglichte. Ein Nachbar von uns war gerade zu den Musikern gestoßen, die mit dem Dirigenten Lambert Schleinkofer erste Musikproben abhielten. Wir nahmen Kontakt auf und Lambert Schleinkofer ist dann mit uns nach Burgau gefahren, dort haben wir zwei Klarinetten gekauft, und der Unterricht begann. Ein halbes Jahr später, war ich als 12 Jährige Mitglied dieser Gruppe, die erst noch keinen Namen hatte. Lambert Schleinkofer hat einem Klassenkameraden von mir auch Trompetenunterricht gegeben, also er war für alle Instrumente als Lehrer tätig.

 

Was ist dir von der Gründungssitzung besonders in Erinnerung geblieben?

 

Wir waren in Hainhofen im damaligen Gasthof Dauner und diskutierten über den Namen. Ich war zu jung, um mitzudiskutieren, aber es war deutlich, wie ernst alle diese Überlegungen nahmen. Sollten wir uns wirklich „Blasorchester Neusäß“ nennen? Orchester war ein großer Begriff. Aber schließlich blieben wir bei diesem Namen: „Blasorchester Neusäß“.

 

Wie war die Altersstruktur? Wie hast du dich als junges Mädchen in der Gruppe gefühlt?

 

Als ich dazu kam, war ich die Jüngste, wir waren ca. 6 Jugendliche von 12-18 Jahren. Alle anderen waren für mich Autoritätspersonen, ich Siezte alle. Als einzige erwachsene Frau spielte Ute Musche mit und der älteste Musiker war ca. 70 Jahre. Er war der Schlagzeuger an der großen Trommel.

 

Hast du besondere Erinnerungen an die ersten Auftritte?

 

Ich weiß nicht mehr genau, wann mein erster Auftritt mit dem Orchester war, aber alles war aufregend, es war für mich wunderbar, dabei zu sein.
Maria Sohr
Franz Gumpp, Maria Sohr, Christoph Lindenmayr
Du hast sieben verschiedene Dirigenten und eine Dirigentin erlebt – welche
Erfahrungen hast du mit ihnen gemacht?

 

Dirigenten haben großen Einfluss auf die musikalische Entwicklung eines Orchesters und auf die Entwicklung und die Dynamik der Gruppe. Am deutlichsten habe ich das mit Uwe Rachuth erlebt. Er hat es mit seinem Elan geschafft, uns sogar zum Singen und Tanzen zu motivieren. Jeder Dirigent ist auch Kind seiner Zeit und seiner Sozialisation. So wie Lambert Schleinkofer gearbeitet hat, wird heute nicht mehr gearbeitet, aber zur damaligen Zeit war es für mich die Chance schlechthin, überhaupt zur Musik zu kommen. Ich war als Anfängerin bereits nach einem halben Jahr im Orchester, das würde heute gar nicht mehr gehen. Anfangs bin ich auch gar nicht mitgekommen, hatte keine Ahnung, wo wir gerade im Stück sind. Aber letztendlich habe ich dadurch trotzdem viel gelernt. Jeder Dirigent hat mich bereichert. Ich bin dankbar, diese unterschiedlichen Menschen erlebt und unter deren Führungsstil Neues gelernt zu haben.

 

(Wie) hat sich der Charakter des Orchesters im Lauf der Zeit verändert?
 
Oh, in 50 Jahren verändert sich natürlich vieles. Wichtig finde ich, dass die Stadtkapelle immer schon zu Veränderung und Weiterentwicklung bereit war und es auch weiter bleibt.
 
Wie hast du die (lang umstrittene) Gründung des Vereins erlebt?

 

Es war anstrengend, aber wichtig. Was waren besondere Highlights während deiner Zeit in der Kapelle? So vieles…. Ich erinnere mich, dass Herr Weißerth ein Stück von Schostakovitsch aufgelegt hatte, das sich beim ersten Durchspielen katastrophal angehört hat und unser Klangempfinden stark auf die Probe gestellt hat. Wir Musiker hätten es sofort wieder zur Seite gelegt. Aber… der Dirigent hat sich durchgesetzt und wir haben uns das Stück erarbeitet und zuletzt waren wir alle fasziniert, wie wir diese Musik umgesetzt haben. Es war in einer Kirche ein faszinierendes Erlebnis, diese Harmonien zu spielen. Highlights waren sicher auch unsere Ausflüge und Reisen (nach Südtirol, Ungarn, Frankreich, Schweden, Amerika) und auch die Wertungsspiele, Auftritte, Partnerkapellen…
Aus jetziger Sicht ist es die Gemeinschaft, das Tragende des wöchentlichen Treffens, des gemeinsamen Übens, des Durchstehens von Durststrecken, die entstandenen Freundschaften. Sozusagen gewachsene „Highlights“, die meinen Alltag heute noch durchdringen und bereichern.

 

Gab es auch Tiefpunkte, an denen du überlegt hast die Kapelle zu verlassen?

 

Ja, einmal habe ich eine Auszeit genommen und war dann froh, als eine Musikerkollegin mich gefragt hat, ob ich nicht wieder kommen mag und ich dann ohne große Umstände wieder mit musizierte. Das war eine wichtige Erfahrung. Ich bin froh, es nie ganz aufgegeben zu haben.

 

Worauf sollte die Stadtkapelle für die nächsten 50 Jahre das Hauptaugenmerk legen?

 

Auf die Gemeinschaft. Jeder ist wichtig. Wo gibt es das sonst so ausgeprägt und so unkompliziert wie in Musikvereinen (oder auch Chören). Musik wird von Jung und Altgemeinsam gemacht, unabhängig von Beruf und sozialem Stand. Musik ist eine internationale Sprache. Das zu erleben, wird auch in 50 Jahren noch wertvoll sein.